Apple könnte vor einem grundlegenden Wandel im Umgang mit seinen Barreserven stehen – und das infolge eines bevorstehenden Führungswechsels. Wie Mark Gurman von Bloomberg berichtet, dürfte John Ternus, der designierte Nachfolger von Tim Cook an der Konzernspitze, vom langjährigen Ziel einer neutralen Nettoliquiditätsposition abrücken und stattdessen stärker auf Investitionen setzen.
In der Ära Tim Cook gab Apple gewaltige Beträge über Dividenden und Aktienrückkäufe an die Aktionäre zurück. Dieser Kurs bedeutete einen der ersten markanten Abkehr von Steve Jobs, der nach der Fast-Pleite Apples in den 1990er-Jahren Bargeld lieber hortete. Unter Cooks Führung schüttete der Konzern über eine Billion Dollar an die Anteilseigner aus, und der Börsenwert kletterte auf mehrere Billionen Dollar.
Nun zeichnet sich eine erneute Kurskorrektur ab. Wie Gurman anmerkt, plädieren viele Ingenieure und Designer bei Apple schon lange dafür, mehr liquide Mittel zurückzubehalten, um große Übernahmen zu stemmen, Spitzenkräfte anzuwerben und die Forschungs- und Entwicklungsausgaben hochzufahren. Diese Forderung gewinnt im derzeitigen KI-Wettrüsten zusätzlich an Bedeutung, wo Wettbewerber massiv in den Infrastrukturausbau investieren und Milliarden in neue Geräte und Dienste pumpen.
Ein deutliches Zeichen für den Kurswechsel setzte Apple-Finanzchef Kevan Parekh im jüngsten Quartalsbericht. Er ließ durchblicken, dass das Ziel einer neutralen Nettoliquiditätsposition nicht mehr als formale Vorgabe gilt und das Unternehmen künftig Kasse und Schulden getrennt betrachtet. Die Rückzahlung von Kapital an die Aktionäre bleibt zwar Teil der übergeordneten Strategie, doch Apple gewinnt dadurch mehr Spielraum beim Einsatz der vorhandenen Mittel.
Zwar läuft derzeit noch ein 100-Milliarden-Dollar-Aktienrückkauf, doch Analysten sehen durchaus die Möglichkeit, dass Apple diese Ausschüttungen nach und nach reduziert. Das wiederum könnte den Weg für deutlich größere Zukäufe frei machen als in der Vergangenheit. Die bislang größte Akquisition des Konzerns bleibt der Kauf von Beats für 3 Milliarden Dollar im Jahr 2014 – unter neuer Führung könnten die Ambitionen in diesem Bereich jedoch zunehmen.
Diese Neuausrichtung ist für Ternus nachvollziehbar. Anders als Cook, der aus dem operativen Bereich kommt, ist Ternus tief in den Produkt- und Ingenieurteams von Apple verwurzelt. In einer Phase, in der Apple den Rückstand im Bereich Künstliche Intelligenz aufholen und die nächste Hardware-Generation zur Marktreife bringen muss, könnte finanzielle Flexibilität tatsächlich wichtiger sein als die bisherige Fixierung auf planbare Aktionärsrenditen.